Predigt zum Palmsonntag

Predigt zum Palmsonntag 2020 Longerich zu Phil 2, 5-11

5 Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht: 6 Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein, 7 sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; 8 er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. 9 Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, 10 damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihr Knie beugen vor dem Namen Jesu 11 und jeder Mund bekennt: Jesus Christus ist der Herr zur Ehre Gottes, des Vaters.

Liebe Gemeinde,

drei Wochen „Karfreitagsstille“ liegen nun schon hinter uns, noch ehe die Karwoche heute beginnt. Stille auf den Straßen und Plätzen, Stille in den Kirchen, den Moscheen und Synagogen Kölns, Europas, ja der ganzen Welt. Eine „große Stille“, in der – so bitter ihr Hintergrund in der großen Pandemie ist – aber auch viel Wesentliches mitschwingt, viel wesentlich Gewordenes zwischen uns Menschen. Meine Frau als Lehrerin zeigte mir heute ein Video, in dem viele Schülerinnen und LehrerInnen ihrer Schule an ihren Schreibtischen gezeigt wurden. Sie lächeln in die Kameras und zeigen: Wir haben unser Bestes gegeben! Und wie erst in den Krankenhäusern, Laboren und Pflegeheimen Menschen ihr Bestes geben, um nicht für sich, sondern für andere zu lernen und zu helfen!! Wir spüren: Es sind Extreme, die in unserer abgefederten „Karfreitags-Stille“ sichtbar werden. Die ganze Schöpfung liegt in Wehen und kämpft um ihr Leben – gegen den Tod.

Viele Menschen machen sich in diesen Tagen darüber Gedanken, was dieses ganze Geschehen mit unserem christlichen Glauben zu tun hat. Ist womöglich ein dunkler, ein unerklärlicher Gott die Ursache all‘ des Unglücks, das mit der Schöpfung, die im Stöhnen liegt, zusammenhängt? Oder sind es nur wir Menschen, die für alles ‚verantwortlich‘ sind? Was hält in diesen Zeiten noch Himmel und Erde zusammen? Was heißt es, so „gesinnt zu sein, wie es dem Leben in Jesus Christus entspricht“?

Der Palmsonntag lädt uns heute ein, auf eine biblische Gedankenreise zwischen Himmel und Erde, zwischen Leid und der Hoffnung auf Erlösung mit zu gehen und dem Apostel Paulus in seinen Gedanken über die Schulter zu schauen. 

Auch Paulus sitzt in „Quarantäne“, in Klausur. Im Gefängnis sitzt er ein und schreibt seiner Gemeinde in Philippi einen langen Brief. Und dann fällt ihm dieses Lied ein, dieser extreme Hymnus, dieser Song vom ganz tiefen Fall und von der unglaublichen Erhöhung, von der Jakobsleiter in den Himmel. Vielleicht ist es ihm eingefallen, weil er selber gerade in Ketten liegt, weil er sich selbst erniedrigt fühlt – im Gefängnis ist er gelandet, weil er die christliche Botschaft weitergesagt hat, die „Torheit vom Kreuz“, wie er es an einer anderen Stelle nennt. Damit hatte er große Unruhe gestiftet in einer römisch-griechischen Welt, in der die Götter zwar von Zeit zu Zeit vom Himmel stiegen, aber ganz gewiß keine Sklavengestalt annahmen. Liebe Gemeinde, dieses extreme Lied ist uns am Palmsonntag mitgegeben, am Beginn der Karwoche. Diese Woche steht ja selbst unter sehr gegensätzlichen Vorzeichen: Heute hören wir noch die Hosianna-Rufe der Menschen, die Jesus in Jerusalem willkommen heißen – wenige Tage später bedenken wir seinen qualvollen Tod. Der Blick auf das Lied aus dem Philipperbrief soll unseren Blick weiten, er will uns in eine größere und nicht weniger erstaunliche Bewegung mit hineinnehmen. Es will uns helfen, das Geschick dieses Jesus von Nazareth besser zu verstehen, damit wir an ihm nicht irre werden. Und es will helfen, das eigene Leben auch in seinen Extremen in den Blick, auf die Zunge, ins Gebet zu nehmen. 

Wir hören also dieses extreme Lied über den Abstieg und die Erhöhung des Messias an diesem Palmsonntag nicht deshalb, um irgendwelchen Sätze christlicher Dogmatik zur verinnerlichen, sondern damit wir ‚klug‘ werden, um es mit einem Psalm zu sagen. Und wir dürfen nicht vergessen: Paulus ist ein jüdischer Mensch. Wer er vom Messias singt, dann singt der ganze Wahrheitsraum der Bibel, des Alten Testaments, schwingen alle Erfahrungen Israels mit, aus deren Tiefe auch der Messias Jesus kommt und wird.  

In vier Schritten an diesem Text aus dem Philipperbrief entlang möchte ich es mit Ihnen bedenken. 

I Jesus der Messias, hielt das Gottgleichsein nicht fest wie einen Raub

Der besondere, außergewöhnliche Mensch Jesus von Nazareth hat einen besonderen Anfang. Sein Anfang liegt bei Gott. Jesus ist verankert in der Höhe und in der Zeit vor der Zeit. Eigentlich versagt da die Sprache, deshalb tuen es nur Bilder: Er war in gott-gleichem Glanz. Er kommt aus dem Raum, in dem im Alten Testament von der Thora, von der Weisheit gesprochen wird. Er ist Gabe, Geschenk, ja ein Spielzeug Gottes im reinen Sinn. Der Messias ist das Weihnachtszimmer Gottes. Deshalb hält er an diesem Glanz hielt er nicht fest wie ein Räuber an seiner Beute. ER gibt ab, wonach Menschen streben: sein zu wollen wie Gott. Er lässt los. Jesus und sein Vater werden die Protagonisten des Loslassens voneinander. So menschlich ist Gott, dass er den Anfang macht mit dem, was jede Familie mit ihren Kindern erlebt: Loslassen, in die Fremde lassen. 

II. Noch mehr wird über diese Abwärtsbewegung gesagt: ER macht sich selbst arm, er erniedrigt sich und nimmt Sklavengestalt an.

Der Gottgleiche wird zu einem unter Milliarden Menschen, zu einem der Millionen Staubkörner, als die wir uns fühlen und erkennen. Spüren Sie den leisen Schmerz, der hier wie schon in der Schöpfungsgeschichte mitschwingt: Die Menschwerdung Gottes hat keine Rückversicherung und keine Rückfahrkarte! Gott geht in die Fremde. Wie es ihm wohl ergehen wird dort?

Wir wissen ja, wie die Geschichte weitergeht. Gott wird kein römischer Kaiser, er wandelt nicht bei Staatsempfängen, er hat kein liturgisches Gewand und keinen Titel. Sein Gewand wird von römischen Soldaten unterm Kreuz verspielt. Deshalb bedeutet Jesu Menschsein, dass er wirklich niedriger wurde als die meisten Menschen. ER verlässt eine hohe Position und wurde Knecht, Sklave, Geflüchteter. Paulus will damit sagen: Er wurde ein Besitzstück mit Seele – denn so sahen die Menschen damals Sklaven an. Dabei ist Paulus schon klar, dass Jesus nicht zeitlebens ein Sklave war, sondern ein jüdischer Mensch, der 30 Jahre relativ unbehelligt in Palästina lebte. Aber er sieht seine Geschichte eben vom Ende her. Und er sieht sie als Bewegung an, die nicht nur in ein Menschenleben hinein mündet. Es ist eine Bewegung nach unten, die noch weiter ausschwingt. 

III. Er erniedrigte sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz.

ER hätte anders können, der Messias, aus dem Weihnachtszimmer. Er war zu nichts gezwungen. Und er wollte das nicht, weil er danach eine umso herrlichere himmlische Belohnung in Aussicht hatte. Genau umgekehrt ist es: Er HATTE diese Würde und konnte diesen Weg nach unten gehen. Hat das also eine Logik, dass Jesus sterben musste, damit wir leben können und unsere Welt eine Hoffnung hat? Warum wählt Gott DIESEN Weg zu unserem Frieden? Das lässt sich einleuchtend nicht erklären, und hoffentlich versucht keine Predigt oder kein religiöses Buch dies Ihnen so einleuchtend zu erklären, dass Sie daran KEINEN Anstoß mehr nehmen. Für mich ist es ein Satz des Staunens und der Verwunderung: Ist dieser Tod bei aller Gemeinheit und Brutalität der Römer in DIESER Perspektive mehr als ein trauriger Zufall? Ist er die Konsequenz dieser erstaunlichen Verwandtschaft zwischen Gott und Mensch, die schon ganz zu Beginn der Bibel im Ehrentitel „Ebenbild Gottes“ aufscheint? Adam und Eva, Kain und Abel, Abraham und Lot, Hagar und Sara, immer treffen diese „Ebenbilder“ auf einen Gott, der sich in extremer Weise in seine Schöpfung einmischt, sich im Garten Eden mitverliert, verirrt, der mit den Menschen geradezu verschmilzt, der dem Mörder Kain das Gnadenzeichen auf die Stirn drückt, der aber auch Abraham zu einem extremen Gehorsamsstück verpflichtet. Das in die Fremde, ins Exil-Gehen scheint diesem Gott auf den Leib geschrieben zu sein. So ist von Anfang an keine Logik im Spiel, sondern ein Staunen, was da zwischen Himmel und Erde geschieht. Das Graffiti mit dem Gott mit dem Eselskopf, das sich auf einer frühchristlichen Kirche findet – es spiegelt das Unverständnis der Heiden gegenüber diesem so ungöttlichen biblischen Himmelsherrscher. 

Darum hat Gott ihn zur höchsten Höhe erhoben und ihm den Namen über alle Namen geschenkt“. Das „Darum“ ist mit keiner einfachen Logik zu erfassen. Es ist eher eine große Generalpause – so wie in Bachs H-Moll-Messe, in der zwischen dem Kreuzigungs-Chor und dem Bekenntnis zur Auferweckung („Et resurrexit“) einfach mehrere Sekunden geschwiegen wird. Und grundlos, gewissermaßen mit einer ganz sinnlich erfahrbaren Leerstelle, beginnt dann ein neues, ein ganz anderes Lied, offenbar kilometerweit entfernt von der Tiefe des Schmerzes. Ich verstehe das „Darum“ dieses extremen Songs von dieser Generalpause, dieser plötzlichen Stille. Jesus begegnet an ‚seinem‘ Palmsonntag in Jerusalem den jubelnden Menschen – mit großen Ruhe. Er schweigt dazu, was ihm an diesem Tag und an den folgenden Tagen an den ‚Kopf geworfen‘ wird. Und vielleicht ist es so, dass es erst diese Generalpause und Leerstelle wieder möglich macht, Gott und seinem Handeln wieder Raum zu geben, ihn überhaupt zu vernehmen. Martin Luther hat beim Bedenken der Theologie des Kreuzes einmal die Bemerkung gemacht, dass die Liebe Gottes im Unterschied zu allem, woran sich bei uns Menschen Liebe „entzündet“, nichts, aber auch gar nichts vorfindet. Gottes Liebe schafft sich erst, was sie liebt. Das Wort „kreativ“ ist viel zu schwach für das, was da passiert. Verborgen hinter dem Vorhang des Tempels wird die Jakobsleiter heruntergelassen, und die Engel steigen auf ihr herunter und herauf, so wie am leeren Grab am Ostermorgen. „Gott ist an diesem Ort, und ich wusste es nicht.“ Liebe Gemeinde, ein extremes und nicht leichtes Lied haben wir von Paulus aus dem Gefängnis gehört. Wir müssen nicht schon alles verstehen darin. Es ist auch ein träumendes Lied, zwischen Nacht und Tag gesungen. Wir brauchen nicht schon den ganzen Weg wirklich zu kennen, den Jesus geht, und den wir in den nächsten Tagen mitgehen. Ich muss nicht alles verstehen, was ich höre und mitbete – ich muss es nicht schon vom ersten bis zum letzten Wort können. Im „Leib Christi“ sind wir aufeinander verwiesen, auf das Hoffen des Einen, auf das Stöhnen der Anderen, Junge auf Alte, Mutige auf Schwache. Ich wünsche Ihnen, liebe Gemeinde, in der großen Generalpause, die uns die Welt in dieser Zeit aufdrängt – Ohren und Herzen, die dies aushalten und mitgehen, die das träumende Lied zwischen Nacht und Tag mitsingen – bis Gott ohne jeden Anknüpfungspunkt ein neues Licht entzündet, das ewig reicht. Amen

Pfarrer Dr. Martin Bock (Leiter der Melanchthon-Akademie)

UNSER GLAUBE in CORONAZEITEN II: Die große Unterbrechung – eine Predigt zur Karwoche 2020


Liebe Longericher und Longericherinnen,
durch das Coronavirus erleben wir eine große Unterbrechung unseres
bisherigen Lebens, eine unfreiwillige Fastenzeit von unbekannter Dauer.
Einige fragen mich: Was hat Gott mit dieser Krise zu tun?
Ich halte Gott nicht für den Verursacher. Das Virus ist keine Strafe. Nach der
Sintflut hat Gott fest versprochen, unserer Erde niemals mehr zu schaden
(1. Mose 8,21+22/9,11-17). Darauf verlasse ich mich. Jeder Regenbogen erinnert an diese Zusage.
Wir haben jetzt Zeit zum Nachdenken und können Wichtiges entdecken. Es tut uns und der Natur auch in „normalen“ Zeiten gut, wenn wir regelmäßig
freiwillig unsere alltäglichen Abläufe unterbrechen und einen Tag der Woche – möglichst den 7. – alternativ gestalten: Zeit für sich und andere haben – ausruhen – feiern – sich an den Früchten der Arbeit freuen…
Darauf zielt die göttliche Lebensweisung. (2. Mose 20,8-11+ 5. Mose 5,12-
15). Unterbrechungen führen oft zu Neuanfängen: Jesus heilt einen Mann, indem er den 38 Jahre andauernden Kreislauf der Resignation unterbricht (Joh 5,2 ff.). Jesus rät in der Bergpredigt: „Wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, dann halte ihm auch die andere hin.“ (Mt 5,39) Indem der Gegner verblüfft wird, soll der Kreislauf der Gewalt unterbrochen werden. Die Kreuzigung Jesu auf Golgota ist eine Unterbrechung von globaler Tragweite: Eine 3-stündige Finsternis kommt über die ganze Erde und der Tempelvorhang reißt entzwei. Die Erde bebt. Einige Märtyrer werden auferweckt und kommen aus ihren Gräbern. Neues fängt an (Mt 27,45ff.)!
Mit dem Kreuzestod Jesu und seiner Auferweckung bekräftigt Gott seinen
Bund mit Israel für die ganze Menschheit. Das Zerreißen des Tempelvorhangs verkündigt, dass jeder Mensch ohne Vorbedingungen freien Zugang zu Gott hat. Weder priesterlich vermittelte Opfer- und Reinigungsrituale noch moralische Verdienste und religiös-asketische Anstrengungen sind die Voraussetzung, um mit Gott in Kontakt kommen zu dürfen. Ein römischer Hauptmann, der dabei ist als Jesus stirbt, bekennt unerwartet als erster: „Ja, dieser Mensch war wirklich Gottes Sohn!“ (Mk 15,39)
Jesus ist dem Leiden, das Folge seiner bis zuletzt konsequenten Haltung war, nicht ausgewichen. Er hätte jederzeit fliehen oder sich auch mit Waffen wehren können. Jesus hat für uns Angst, Einsamkeit und Schmerzen ertragen. Er war sich zuletzt auch nicht mehr sicher, ob Gott noch bei ihm war (Mk 15,34). Der gekreuzigte Sohn Gottes ist seit seiner Auferweckung als unsichtbare, empathische Lebenskraft erfahrbar.
So glaube ich, dass Jesus jetzt denen ganz besonders nahe ist, die Angst haben, weil sie schwer krank sind, um einen geliebten Menschen trauern oder um ihre wirtschaftliche Existenz bangen.
Ich glaube, dass Christus auch denen besonders nahe ist, die jetzt für andere da sind – viele bis zur Erschöpfung.
Wir können die Zeit dieser unfreiwilligen Unterbrechung nutzen, um uns auf das zu besinnen, was für uns und unsere Erde in Zukunft wichtig ist.
Vielleicht hilft es Ihnen, täglich aufzuschreiben, welche guten Erfahrungen wir jetzt machen: Zusammenhalt – Kooperation – Rücksicht – Verlangsamung – Wertschätzung bestimmter Berufe – die Erkenntnis, dass wir auf manches auch zukünftig ohne Not verzichten können, weil es für das menschliche und meteorologische Klima gut ist. Viele dieser wertvollen Erfahrungen spiegeln die Zielrichtung der Lebensweisungen Gottes wider. Amen
Bleiben Sie an Leib und Seele und in Ihren Beziehungen gesund!
Herzlichst Ihr und Euer Pfarrer Jürgen Mocka/ 3.4.2020

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