Heiligabend

WEIHNACHTSPREDIGT 2020 von Pfarrer Jürgen Mocka

Sacharja 2,14-17 (Neue Zürcher Bibel):

„Juble und freue dich, Tochter Zion, denn sieh, ich komme und wohne in deiner Mitte! Spruch des HERRN. Und an jenem Tag werden sich viele Nationen dem HERRN anschließen, und sie werden mir zum Volk. Und ich werde in deiner Mitte wohnen. Und du wirst erkennen, dass der HERR der Heerscharen mich zu dir gesandt hat. Und der HERR wird Juda als sein Erbteil besitzen auf heiligem Boden, und Jerusalem wird er noch erwählen. Stille, alles Fleisch, vor dem HERRN! Denn er ist aufgebrochen aus der Wohnung seiner Heiligkeit.“

Liebe Gemeinde,

 I.  Vers 17c „Gott ist aufgebrochen aus der Wohnung seiner Heiligkeit.“

Gott hat keinen festen Wohnsitz, aber bevorzugte Aufenthaltsorte: in der

Höhe, im Tempel und bei Menschen, die am Boden zerstört sind, gedemütigt und misshandelt (Jesaja 57,15). Der Prophet Sacharja kündigt im 6. Jahrhundert v.Chr.an, dass Gott nun unterwegs ist, um in der Mitte seines geliebten Volkes zu wohnen: auf dem Berg Zion in Jerusalem.

Diese Ankündigung bedeutet einen Neuanfang nach schwerer Zeit. Der GottIsraels kommt in ein besetztes Land, zunächst von Babylon, nun von Persien. König Kyros erlaubte die Rückkehr der im Exil lebenden Israelit-en/-innen und den Wiederaufbau des Jerusalemer Tempels. Gottes Absicht, in Jerusalem zu wohnen, unterstreicht, dass Israel trotz seiner Schuldgeschichte auf ewig SEIN erwähltes Volk bleibt. Und nun wird Zuwachs angekündigt:

Vers 15 „Und an jenem Tag werden sich viele Nationen dem Herrn anschließen.“

Es wird nicht gesagt, was die Menschen aus anderen Ländern veranlasst, an den Gott Israels zu glauben. Zwangsmissionierung ist nicht vorgesehen.

Sie spüren etwas, was sie magisch anzieht. In jedem Fall schließen sie sich dem Volk Gottes freiwillig an.

Unsere beiden Großkirchen schrumpfen. Die Austritte nehmen seit Jahren zu, auch da, wo es vor Ort eine lebendige Arbeit gibt. Bisher nicht funktioniert hat der Wille, sich noch mehr anzustrengen und Vieles besser zu machen. Seit Jahren setzen die kirchlichen Programme voraus, dass unser Tun Wachstum fördern oder lähmen kann. Claudia Währisch-Oblau, Pfarrerin bei der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) hat in den 80iger und 90iger Jahren in China gelebt, „als dort die Kirchen rasend schnell wuchsen…Die Kirche in China wuchs trotz fehlender Gebäude. Trotz grottenschlechter Predigten. Trotz Chören, deren Musik in den Ohren wehtat. Trotz jeder Menge übler Streitigkeiten unter den viel zu wenigen Pastoren und Pastorinnen. Was tun?

Ich glaube inzwischen, das ist die falsche Frage. Stattdessen frage ich: Was tut Gott?…Wir werden diese Kirche nicht retten. Wir müssen es auch nicht.

Sondern einfach vertrauen, dass Gott Neues wachsen lässt.“ (VEM-Journal 3/2020, S.22)

Einfach vertrauen meint nicht: alles laufen lassen, Missstände nicht mehr ernstnehmen, sondern aufmerksam auf GOTTES TUN achten.

II. Gott kündigt sein Kommen an: zum Zion, nach Bethlehem, zu uns. Auffällig ist, dass sich die Menschen aus anderen Nationen nicht auf den Weg nach Jerusalem machen müssen, um sich dem wachsenden Volk Gottes anschließen zu können. Das beschreibt auch das Adventslied EG 11,7:

„Ihr dürft euch nicht bemühen, noch sorgen Tag und Nacht, wie ihr ihn wollet ziehen, mit Eures Armes Macht. Er kommt, er kommt mit Willen, ist voller Lieb und Lust, all Angst und Not zu stillen, die ihm an euch bewusst.“

Gott kommt in die Welt wie sie ist: nicht perfekt, ungerecht, unaufgeräumt. Ich glaube, dass Gott an und in unserer Kirche trotz aller Defizite und Missstände handelt. Die Geistkraft wirkt auch außerhalb der Kirchen. Für uns ist es zukunftsweisend, darauf zu achten, was Gott trotz allem tut, bewirkt, uns zeigt. Vielleicht ist es unsere Hauptaufgabe, Gott mit unseren Plänen und Aktionen nicht im Weg zu stehen, sondern SEINE Arbeit zuzulassen und sie aufmerksam wahrzunehmen.

Gott ist für mich weder strafender Verursacher noch teilnahmsloser Zuschauer der Pandemie, sondern war und ist mittendrin in unserer Verunsicherung und Zukunftsangst, in unserer inneren Leere und Erschöpfung.

Gott hat uns in diesem schwierigen Jahr aber auch Lichtzeichen, gute Erfahrungen, helle Augenblicke geschenkt. Die Mehrheit !!! zeigt Einsicht, lebt Vorsicht und übt Rücksicht. Zwischen manchen Menschen ist Zusammenhalt neu entstanden oder gewachsen. Viele haben entdeckt, wie gut ihnen eine Unterbrechung getan hat: erholsame Pause vom immer wieder gleichen Ablauf. Bei manchen ist das Gespür für Wichtiges und Unwichtiges gewachsen.

Viele merken, dass Verzicht gar nicht so schwer ist und dem menschlichen wie meteorologischen Klima guttut. Unglaublich viel bunte Kreativität ist in allen Lebensbereichen entstanden.

Das Abstandhalten fällt den meisten sehr schwer z.B. der Verzicht auf Küsse, Berührungen und Umarmungen. Zugleich haben viele erkannt, dass Abstand auch gute Seiten hat. Mir war es immer schon unangenehm, wenn mir in der Bahn oder bei Konzerten Menschen zu sehr auf die Pelle gerückt sind.

Innerer und äußerer Abstand kann uns aus konfliktträchtigen Situationen herausführen. Viele Kunstwerke entfalten ihre Wirkung nur, wenn wir sie aus dem Abstand heraus ansehen. 

Für FahrradfahrerInnen ist der neu eingeführte Sicherheitsabstand, den Autos einhalten sollen, entspannend. Mit zeitlichem Abstand können wir deutlicher die Bedeutung von Ereignissen erkennen. Bei Trauungen zitiere ich gelegentlich gerne ein Wort des chinesischen Philosophen Lao-Tsi (6.Jh. v.Chr.):
„Die Entfernung ist für die Liebe wie der Wind für das Feuer. Das starke facht er an, das schwache bläst er aus.“

Für manche Familien ist momentan allerdings zu viel Nähe die Hauptbelastung, wenn die Kinder zu Hause betreut werden müssen, während Dringendes im Homeoffice erledigt werden muss. Wir brauchen immer eine gute Balance zwischen Nähe und Abstand. Das gilt auch nach der Pandemie.

III. Die Spannbreite der Erfahrungen seit März ist im Guten wie im Schlechten sehr groß. Die Weihnachtsfragen 2020 können oft nur persönliche Antwort finden: Was hat Gott für DICH in diesem Jahr getan?

              Welche Lichtzeichen hat Gott geschickt?             

              Was möchte der Gott Israels, der Vater Jesu gemeinsam mit uns tun?

Wenn wir uns Zeit lassen, kann die Dankbarkeit wachsen. Vieles war und ist nicht selbstverständlich, sondern Geschenk, für das wir weder arbeiten noch bezahlen mussten.

Vers 17: „Stille, alles Fleisch, vor dem HERRN! Denn er ist aufgebrochen aus der Wohnung seiner Heiligkeit.“ Das Kommen Gottes betrifft die gesamte Schöpfung, nicht nur uns Menschen. Gott ist unterwegs zu Euch und Ihnen!

„Gott wohnt da, wo man ihn einlässt.“ (Martin Buber) Dann wird aus dem Weihnachtsfest ein Christfest, aus der virusbedingten ruhigen Nacht eine stille, heilige Nacht voller Freude.

Wenn Gott kommt, dann kommt es zu einem großen Schweigen der ganzen Schöpfung. „um atemlos der schönen Stimme Gottes zu lauschen“ (Gerhard

Begrich) Ich wünsche Ihnen und Euch ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein Neues Jahr mit vielen hellen Erfahrungen!

                            Ihr/Euer Pfarrer Jürgen Mocka (21.12.20)

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