Mach mal Pause Gedanken zu Markus 2, 23-28

Mach mal Pause, das ist der Sinn des Sabbatgebotes. Sich ausruhen, sich an seinen Ursprung – Gott – und an seine Bestimmung zu erinnern, den Nächsten zu lieben.
Dazu braucht es Muße und Unterbrechung – und keine hektische Beschäftigung.

Der Sabbat ist eine Kathedrale der Zeit.
In einer Zeit, da man noch keine Kathedralen errichten konnte, hat Gott dem Volk Israel eine Kathedrale der Zeit geschenkt. Einen Tag Ruhe – unantastbar.
Deshalb fällt darunter auch das Reisen.

Im Grunde sind alle Tätigkeiten verboten, die den Lauf der Dinge verändern. Mit dieser Regel lassen sich Sabbat-Verbote erklären und bekommen einen Sinn. Diese Regeln zu deuten und in Einzelregeln für ein Leben in der Moderne umzusetzen, führt im Judentum immer wieder zu heftigen Diskussionen. So darf man bei strengen Juden am Sabbat keine technischen Geräte einschalten.
Aus Sicht der Schriftgelehrten damals war eine Handvoll Körner zu nehmen und zu essen schon Arbeit, und die war am Sabbat verboten.

Der Sabbat war eine unglaublich große Errungenschaft, die verteidigt werden musste.

In der Antike – bei den Ägyptern in Mesopotamien, später
bei den alten Griechen und bei den Römern – da gab es so etwas wie eine Woche nicht.
Die antiken Völker damals hatten auch ihre Feiertage. Aber nicht regelmäßig alle sieben Tage.
Und für Sklaven zum Beispiel waren das auch keine Feiertage, sie mussten arbeiten.
Nur das Volk Israel hielt den Feiertag heilig. Es wurde nichts gemacht und da sollten auch die Sklaven ausruhen. So ist der Sabbat gedacht gewesen. So soll der Sonntag sein.

Bei den anderen antiken Völkern galten die Juden deshalb als Faulpelze. »Ein freier Tag in der Woche? Wo gibt’s denn sowas?«

Und immer wieder wird das in Frage gestellt, und verhandelt.
Denn Zeiten und Bedingungen ändern sich.
Darf man den Fernseher am Sabbat anstellen? Bei strengen Juden nicht.

Auch bei uns ändern sich Regeln.
Von 13.00-15.00 Uhr ist Mittagsruhe – aber heute gilt es nicht mehr als Störung, wenn Kinder draußen in dieser Zeit spielen, früher war das undenkbar.

Jesus wandert mit seinen Jüngern, sie kommen an einem Feld vorbei, sie reißen sich einige reife Kornähren aus.
Einige Schriftgelehrte, denen die Regeln heilig sind,
sagen: „Das ist nicht erlaubt! Hört auf damit.“
Jesus erklärt: „Ja, stimmt, aber ihr überseht da etwas: Schon Mose wusste, dass es Ausnahmen geben muss. Ausnahmen für das Leben.
So, wie der Sabbat für das Leben gedacht ist.
Ein Geschenk für die Menschen.
Regeln als Hilfe, nicht als Einengung.“
Er zweifelt nicht am Sabbat, aber eine zu strenge Auslegung, verringert seinen Sinn.
Wenn links und rechts nur Gebote und Verbote stehen, dann ist der Mensch nicht mehr frei, sich an Gott zu erinnern, sich auszuruhen,

„Genug“ sagt Jesus, der Sabbat ist für den Menschen da, nicht umgekehrt.

Der Sabbat ist eine Unterbrechung, aber, wenn es vor lauter Reglement, zum Stress wird, weil ich mich fragen muss:
„Bin ich schon 1000 Schritte gegangen,
habe ich das richtige gegessen,
ist das Einschalten eines Lichtschalters schon Arbeit?“
Dann ist zu viel in meinem Kopf.

Manche möchten alles regeln, aber das geht nicht. Zuviel Regeln können auch zerstören. Dann gibt es plötzlich Menschen, die genau aufpassen. Ob alle Regeln richtig befolgt werden. So wie es neulich Formulare gab, in denen man Coronaverstöße melden konnte.
Doch das bekam schnell einen üblen Beigeschmack, von Denunziation.
Kaum ein Tag, an dem nicht über Regeln gestritten wird.
Bis heute. Corona sei Dank.
Schnell sehe ich mich in der Rolle der Pharisäer:
„Der hat keine Maske an, die sind mehr als fünf.
Schließlich geht es um die Sicherheit von uns allen.“

Gibt mir die Regel das Recht, über andere zu urteilen?
Vielleicht besser eine Nachfrage: „Habt ihr keine Sorge, andere anzustecken? Wir sitzen in der Schule sowieso jeden Tag zusammen.“
Hier sind wir nur zu sechst unterwegs. „Ich fühle mich ertappt. Dennoch bleibt ein Gefühl von „Restrisiko“. Doch lässt sich das je ganz vermeiden?

Wir gehen ja hier in der Kirche auch ein Restrisiko ein, denn auch wir brauchen Gemeinschaft, versuchen Regeln zu halten und doch geht es auch schief, ist man doch jemandem schnell näher als 1,5 Meter gekommen.

Ob es den Pharisäern auch so gegangen ist?
Sie wussten, dass Gott sich den Menschen zuwendet.
Ihre Reaktion vielleicht nur ein Reflex ohne richtig nachzudenken? Einfach, weil sie es schon immer genau so verstanden haben?
„Das ist die Regel. Der Streit ist ja auch schnell zu Ende, sie widersprechen Jesus nicht.
Jesus weist sie darauf hin: Nein, diese Regeln sind als Hilfe gedacht, damit Gott nicht vergessen wird von den Menschen.
Im Alltag.
Gott weiß doch, wie die Menschen ticken.
Das Gedächtnis im Alltag ist so kurz, das Gedächtnis für die Dinge, die gut uns tun: mit Gott zu sein, sich Zeit zu nehmen- für ihn.

Dietrich Bonhoeffer hat geschrieben:
»Die zehn Gebote enthalten kein Gebot zu arbeiten,
wohl aber ein Gebot, von der Arbeit zu ruhen.
Das ist die Umkehrung von allem,
was wir zu denken gewohnt sind.«

Weniger Arbeit, das wäre ein grundsätzlich anderes Lebensmodell, Den Sonntag so heiligen, dass nicht noch schnell dies und jenes erledigt werden muss.
Wenn das nicht geht?
Wenn man in der Woche nicht dazu gekommen ist? Vielleicht muss man dann über die Wochen nachdenken

Neulich habe ich in einem Vortrag gehört, es reicht zum Beispiel nicht nachhaltig zu leben, denn das bedeutet, nur so viel zu verbrauchen, wie wiederhergestellt werden kann.
Die Schöpfung wirklich bewahren, dass hieße so zu leben, das es nachher mehr Ressource gibt als vorher.
Das ist ein anderes Lebensmodell: weniger Arbeit, weniger Verbrauch, mehr Ruhe, mehr Innehalten, mehr Achtsamkeit.

Dann brauche ich grundsätzlich weniger, dann muss ich auch nicht so viel arbeiten, damit ich mir das alles leisten kann.

Dann komme ich zur Ruhe, dann halte ich inne.
Ich bemerke, dass Zeug hier um mich herum, dass brauche ich doch zum größten Teil gar nicht.

Die Coronapause, die der Menschheit gerade auferlegt wird, hat auch ihr Gutes. In der Antarktis, sind mehr Pinguine, als vor zehn Jahren, sie hatten diesen Sommer Zeit sich in Ruhe zu paaren, weil weniger Touristenschiffe vorbeikamen.
Anderswo haben sich Korallenriffe erholt.Die Konfirmanden haben mir neulich erzählt, ja im Lockdown, da haben wir Fahrradtouren mit der Familie gemacht, fast jeden Tag.
Und ich habe jeden Morgen Sport gemacht- danach konnten wir das nicht mehr.

Mach mal Pause vielleicht auch mal 24 Stunden von Coronanachrichten, von der Aufgewühltheit, der Alarmstimmung, bleib für dich, komm zur Ruhe, geh in den Wald, lies ein Buch.
Sabbat- mach mal Pause, dann spürst du Gott, wie er da ist, dich umgibt, mit dir unterwegs ist.

Der Sabbat ist eine Kathedrale der Zeit, genieße diese Zeit.

Pfarrerin Reinhild Widdig,
Nathanael-Gemeinde Köln-Bilderstöckchen

  • © 2018 Immanuel-Gemeinde Köln-Longerich
Top