Predigt über 1. Mose 1, 1 – 2, 4 in Auszügen

                                            (Andrea Máthé)

«Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.
Und Gott a sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht.
Und Gott sah, dass das Licht gut war.
Und Gott sprach: Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringe, und fruchtbare Bäume auf Erden, die Früchte tragen, in denen ihr Same ist. Und es geschah so. Und Gott sah, dass es gut war.
Und Gott sprach: Es wimmle das Wasser von lebendigem Getier, und Vögel sollen fliegen auf Erden unter der Feste des Himmels.
Und Gott schuf alles Getier, das da lebt und webt, davon das Wasser wimmelt, und alle gefiederten Vögel. Und Gott sah, dass es gut war.
Und Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch und erfüllet das Wasser im Meer, und die Vögel sollen sich mehren auf Erden.
Und Gott sprach: Die Erde bringe hervor lebendiges Getier, Vieh, Gewürm und Tiere des Feldes. Und es geschah so. Und Gott sah, dass es gut war.
Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.

Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.
Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.
Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.
So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer.
Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn
So sind Himmel und Erde geworden, als sie geschaffen wurden.«

Liebe Mitchristen,
sehnen Sie sich auch zurück nach solchen Augenblicken, in denen Sie den Eindruck haben: alles ist gut? Vor der Coronakrise haben vermutlich die meisten von uns schon mal solche Situationen erlebt, in denen wir rundum zufrieden und glücklich sein konnten und nichts unsere Freude getrübt hat. Manchmal waren das nur kurze Augenblicke, z.B. ein Sonnenuntergang über einem See, ein Bild, das sich in seiner Schönheit ganz tief ins Gedächtnis eingeprägt hat – auch ohne Foto. Oder auch der direkte Blick auf ein Gemälde, das man von Büchern oder Karten kennt und das einem immer schon gefallen hat, das aber im Original noch viel schöner ist. Da bleiben manche minutenlang stehen vor so einem Bild und werden es nie wieder vergessen. Aber es kann auch schon mal ein ganzer Tag sein, der sich heraushebt aus dem normalen Alltag: der erste Tag, an dem zwei Menschen ihre Liebe entdecken, der bleibt wahrscheinlich ein Leben lang in Erinnerung. Das erste Lachen des Kindes, auf das man sich so lange gefreut hat. Oder auch die Freude, wenn man eine schwierige Aufgabe bewältigt oder eine längere Arbeit abgeschlossen hat. Diese Freude kann auch schon mal ein paar Stunden anhalten.

Es gibt sie immer mal wieder, solche Augenblicke im Leben, wo alles zu stimmen scheint, Augenblicke, die man am liebsten festhalten möchte, weil sie so schön sind und vollkommen scheinen. An solche Erfahrungen hat vielleicht auch der Verfasser gedacht, der die Schöpfungsgeschichte erzählt. So muss es gewesen sein, als Gott die Welt erschaffen hat. Da war wirklich alles gut und schön: Licht und Dunkelheit, Wasser und Land, Gras und Kräuter und Bäume, Vögel und Fische, Tiere und Menschen. Es war ein großes, umfassendes Werk, das Gott geschaffen hat – und es war gut. Denn als Gott die Welt geschaffen hat, da war alles in Harmonie, da gehörte alles zusammen, ergänzte sich und bildete eine vollkommene Einheit.

So stell auch ich mir das Paradies vor: Alles im Einklang, kein Streit, keine Unruhe, keine unangenehmen Töne, keine Angst, sondern alles so, wie es sein soll, ausgewogen, ruhig und schön. So, wie man es manchmal in ganz besonderen Augenblicken noch erahnen kann.

Aber solche Augenblicke vergehen leider auch wieder. In den letzten Wochen haben wir das sehr massiv erfahren. Da wird uns ganz plötzlich die Sicherheit genommen, mit der wir gerade hier in Deutschland jahrzehntelang leben konnten, durch einen winzig kleinen, aber nicht beherrschbaren Virus. Und das ist ja nicht die einzige beunruhigende Krise in diesen Tagen. Schon vorher wurde die Freude an der Sonne für viele getrübt durch die warnenden Hinweise auf Klima-Verän­de­rungen, die immer deutlicher spürbar werden. Andere haben vielleicht gerade in den letzten Wochen darunter gelitten, dass die Liebe, die so romantisch begonnen hatte, nach ein paar Jahren auch nicht mehr ist, was sie einmal war – die rosaroten Wolken sind schon lange verschwunden und vom siebten Himmel ist man wieder auf die Erde zurückgekehrt. Das Kind, auf das die Eltern sich so gefreut hatten, entwickelt Eigenheiten, die keiner erwartet hat und die nur schwer zu verstehen sind. Und auf der abgeschlossenen Arbeit kann man sich auch nicht ausruhen, die nächste Arbeit wartet schon. Ungetrübte Freude wird in diesen Tagen wohl kaum jemand verspüren. Aber auch zu normalen Zeiten weichen die Augenblicke voller Schönheit immer wieder dem grauen, ernüchternden Alltag.

Auch das wird in der Bibel erzählt. Die ersten Tage im Paradies, die waren noch vollkommen. Da war alles sehr gut. Aber es ist nicht dabei geblieben. Die Welt hat sich weiterentwickelt. Das, was am Anfang noch zusammengehörte und sich ergänzte, wurde auf einmal zum Gegensatz. Da ist nicht mehr alles gut, sondern es gibt Gutes und Böses, da macht die Finsternis auf einmal Angst, das Wasser wird zur Bedrohung – und Tiere und Menschen und sogar Pflanzen können einander gefährlich werden. Ein Riss geht durch das schöne Bild – die Menschen verlassen das Paradies und finden sich auf der Erde wieder, so wie wir sie kennen. Als eine Welt voller Widersprüche und Zweideutigkeiten. Das kann einen traurig stimmen und sogar Angst machen. Und es bleibt die Sehnsucht nach den Augenblicken vollkommener Schönheit, nach dem Paradies.

Aber es ist eine Sehnsucht, die – Gott sei Dank – immer wieder auch von Erfahrungen lebt und genährt wird. Zum Beispiel von Erinnerungen an diese besonderen Augenblicke, die tatsächlich voller Schönheit sind und die einen ahnen lassen, wie schön das Paradies sein muss. Diese Erfahrungen halten unsere Sehnsucht wach nach einer besseren Welt, aber sie öffnen uns auch die Augen öffnen dafür, wie gut unsere Welt ist trotz aller Widersprüchlichkeiten.

Das hat wahrscheinlich auch der Verfasser, der die Schöpfungsgeschichte erzählt hat, so erfahren. Er hat in derselben Welt gelebt wie wir, in einer Welt mit Sorgen und Gefahren, mit Bedrohungen und Enttäuschungen. Und doch konnte er sich aufgrund seiner guten Erfahrungen, die es auch gab, die Welt vorstellen, wie Gott sie am Anfang geschaffen hat, und sagen: es war sehr gut. Es muss einmal diesen Zustand gegeben haben, in dem die Freude nicht getrübt wurde durch Angst, ein Zustand, in dem alles zusammengehörte und sich ergänzte, in dem jeder seinen Platz hatte und seine Aufgabe –  und die  auch im guten Miteinander erfüllte. So hat Gott die Welt gedacht, so hat er sie geschaffen. Und es war gut.

Andere biblische Erzähler, aber auch Dichter und Maler haben sich aufgrund ihrer Erfahrungen vorgestellt, wie es einmal sein wird, und ein künftiges Paradies ausgemalt in den schönsten Farben oder mit wunderbaren Worten. Sie sagen: es wird gut sein. Die Welt wird nicht so widersprüchlich und beängstigend bleiben, wie wir sie jetzt oft erleben. So wie am Anfang alles gut war, so wird es wieder gut werden.

Doch solange wir in dieser Welt leben, können wir uns freuen an den vielen schönen Momente, die wir schon hier und jetzt erfahren. Aber wir sollten auch die Augen offen halten für das, was wir tun können, um diese Welt zu bewahren und das Gute zu fördern. Denn dazu hat Gott uns den Auftrag gegeben, nicht zu herrschen wie Tyrannen, die nur an sich und den eigenen Vorteil denken ohne Rücksicht auf die, die ihnen anvertraut sind. Herrschen sollen wir so auf Erden, wie Jesus  es uns vorgelebt hat, als Menschen, die sich an der  Schöpfung als guter Gabe Gottes freuen, sie achten und bewahren und die auch auf die achten und für die sorgen, die das Leben auf der Erde mit ihnen teilen. Dann leben wir zwar noch nicht wieder im Paradies, aber wir werden viele Erfahrungen machen, die uns erkennen lassen, wie gut unsere Welt auch jetzt noch ist. Amen.

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