Predigt zum 19. April

Aus Psalm 62

Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.
Denn er ist mein Fels, meine Hilfe, mein Schutz,
dass ich gewiss nicht fallen werde.
Wie lange stellt ihr einem nach, wollt ihn morden,
als wäre er eine hangende Wand und eine rissige Mauer?
Sie denken nur, wie sie ihn stürzen, haben Gefallen am Lügen;
mit dem Munde segnen sie, aber im Herzen fluchen sie.
Aber sei nur stille zu Gott, meine Seele;
denn er ist meine Hoffnung.
Er ist mein Fels, meine Hilfe und mein Schutz,
dass ich nicht fallen werde.
Bei Gott ist mein Heil und meine Ehre, der Fels meiner Stärke,
meine Zuversicht ist bei Gott.

Liebe Mitchristen,

meine Frau und ich sitzen gerne in unserer Sauna und lassen uns per CD etwas vorlesen. Wir hörten über Wochen hin einen ziemlich trivialen, aber gut geschriebenen Roman von Rebecca Gablé mit dem Titel »Jonah«. Er spielt im London des 14. Jahrhunderts und schildert den Aufstieg eines jungen Mannes, der vom Tuchhändlerlehrling aufsteigt bis zum Ritterschlag.

Interessant ist die Darstellung seiner Welt: unbefestigte Straßen, völlig dunkle Stadtviertel ohne Beleuchtung. Furchtbar reiche Menschen und die Mehrheit der Armen bis Bettelarmen. Krankheit und früher Tod von Säuglingen, ein erst im Entstehen beginnendes Rechtswesen. Unsicherheit selbst auf der Ebene der gemachten und reichen Leute. Begründete Angst vor Meuchelmördern und Intrigen. Eine Welt zum Fürchten! Wir fragen uns: Wie hielten die Leute das bloß aus?

Für uns erstaunlich, dass gerade in jenem Jahrhundert und auch später noch nicht nur in England, die Menschen mit Gottvertrauen in dieser furchtbaren Welt leben. Keiner käme auf die Idee, Gott anzulasten, was die ungerechten sozialen Verhältnisse, die sehr unvollkommene Medizin und die schlechten Kommunikationsmöglichkeiten angeht. Viele sehen auch in jenen Jahren sehr deutlich, was durch Menschen gemacht wird und verantwortet werden muss.

Wir Älteren haben ja Ähnliches schon erlebt in den Jahren des Krieges und auch noch nach dem Krieg: Vertreibung, Flüchtlingstrecks, Krankheit, Angst um Freunde und Verwandte, die gesucht wurden, Hunger auch und schlechte Kleidung, weite Wege zur Schule, Kohlenklau und Überfälle in den meist dunklen Straßen.

Wie haben wir das bloß ausgehalten?

Manche Leute hatten damals großes Gottvertrauen, viele – auch schwache Menschen – hatten wenigstens Selbstvertrauen. Manche konnten sich auf ihre Familie verlassen, viele aber eben auch nicht.

Interessant ist aber auf jeden Fall, dass damals eine große Suche nach Verlässlichem zu bemerken war, und nie wurden in Deutschland mehr Kirchen und Gemeindehäuser gebaut, als ausgerechnet in jenen schlechten Jahren, und Diakonie und Caritas wurden unterstützt wie später nie wieder.

Wenn ich mich nun heute umschaue, sehe ich einen großen Mangel an Vertrauen, nicht nur an Gottvertrauen, und viele Menschen haben so viel Angst, dass sie kaum geradeaus blicken können. Über­all sehen sie Gefahren, Zusammenbrüche, politische Unwägbarkeiten, Krankheiten und Katastrophen, Verbrechen, Mord und Totschlag. Sie haben Angst vor Viren und vor Verleumdungen durch die modernen Kommunikationsmittel usw. Es fehlt die Zuversicht.

Dabei ist statistisch nachweisbar die Zahl der Verbrechen nie so niedrig gewesen wie in unseren Tagen, und die Zahl von Ärzten nie so hoch, die Möglichkeiten der Medizin noch nie so erfolgreich wie jetzt. Woher also die Angst, woher dieser Mangel an Zuversicht?

Zuversicht nährt sich aus dem Vertrauen. Überhaupt ist das Vertrauen der Grund der Zuversicht. Je tiefer das Vertrauen, desto echter, tragfähiger die Zuversicht.

Wir Menschen brauchen etwas, worauf wir uns verlassen können. Das ist schon so, bevor wir geboren werden: dass wir sicher ruhn im Leib der Mutter, die sich auf uns freut. Und gleich, nachdem wir ans Licht des Tages getreten sind, haben wir Menschen nötig, die uns ernähren, pflegen und versorgen. Ein Leben lang brauchen wir Personen unseres Vertrauens, bis ins Alter hinein. Glücklich ist, wer mit seinem Partner gemeinsam alt wird und möglichst lange Vertrauen empfangen und Vertrauen geben kann! Oder wer Kinder oder Familie in der Nähe hat, die im Notfall für Hilfe bereit stehen. Glücklich auch, wer Freunde und Nachbarn hat, die man rufen oder anrufen kann. Das ist nicht selbstverständlich.

Deswegen ist der Markt, der Vertrauen anbietet, sehr groß: Banken werben mit grünen oder gelben Bändern der Sympathie um Vertrauen, Versicherungen möchten, dass wir uns auf sie verlassen, Geld auf dem Konto soll Sicherheit geben, ja: Kontrolle sei sogar besser als Vertrauen, meinte Lenin.

Wer aber so spricht wie der Sänger unseres Psalms, der braucht keine andere Sicherheiten, keine Kontenstände und keine Versicherungsleistungen außer den einen, vor dem er sein Herz ausschütten kann, Gott.

Vertrauen wächst. Wenn es gut geht, wird es gleich mit in die Wiege gelegt. Manche Menschen sind weniger glücklich und müssen das Vertrauen in Gott, zu anderen Menschen, Vertrauen in das Leben selbst erst erlernen. Das ist nicht immer einfach. Denn was als zarte Pflanze heranwächst, kann durch Unachtsamkeit, durch Grob­heit, durch schmerzhafte Kränkung böse mit den Füßen getreten und kaputtgemacht werden.

Das ist die Situation, in die der 62. Psalm uns hinein nimmt. Man kann sich vorstellen, so spricht ein Mensch, der sehr bedrängt wird von seinen Feinden. Von Menschen, die ihm übelwollen, so dass er sich in seiner ganzen Existenz bedroht fühlt. Auf ihn haben es die anderen abgesehen. Missgünstige Menschen, die den Erfolg neiden. Die mit Wonne anderen schaden und sich an deren Scheitern ergötzen. Die ihren Konkurrenten das Messer in den Rücken jagen. Die jemanden solange mit Häme und giftigen Kommentaren überziehen, bis er zermürbt aufgibt. Die unter Lächeln boshaft reden.

All das zerstört Vertrauen in andere Menschen. Und stattdessen wächst die Skepsis, das Misstrauen, das hinter jeder Bemerkung eine neue Kränkung vermutet. Die Zuversicht geht dahin.

Wer das erlebt, steht unter enormem Druck, mit dem er vielleicht ganz allein, ohne die Hilfe anderer Menschen fertig werden muss. In dieser Situation ist es gut, möglicherweise sogar lebensrettend, sich an den zu erinnern, der im Psalm »mein Fels, meine Hilfe, mein Schutz« genannt wird. Es ist eine große Hilfe zur Rückgewinnung von Zuversicht, sich diese Worte laut selbst zuzusprechen, wie es der Psalmist tut: »Sei nur stille zu Gott, meine Seele; denn er ist meine Hoffnung. Bei Gott ist mein Heil und meine Ehre, der Fels meiner Stärke, meine Zuversicht ist bei Gott«.

Denn wenn es ganz dunkel um einen herum ist, gerät das manchmal in Vergessenheit, dass Gott immer auf unserer Seite steht, gerade dann. Deswegen muss sich die Seele einen Schubs geben, sich gewissermaßen selbst ermuntern: Vertrau auf Gott — er steht fest und weicht nicht von deiner Seite.

Wer das tut, wird merken, dass das Vertrauen wächst. In Gott und in die Menschen. Langsam, schrittweise. Das Bedrängende, das die Luft zum Atmen nimmt, verliert an Gewicht. Die Zuversicht wächst. Sie wird so groß und beständig, dass letztlich auch andere durch sie gehalten werden.

Wer Gott kennengelernt hat als den Felsen, den Hort – und gemeint ist damit ein vor Räubern sicheres Adlernest in den Felsen – als Hilfe und als Schutz, der ist zwar auch beim Abschied eines lieben Menschen voller Trauer und Herzeleid. Aber er fällt nicht in Verzweiflung und ins Bodenlose, weil er weiß, dass Gott ihn nicht fallen lässt.

Philipp Spitta, Pfarrer in Burgdorf in Niedersachsen, hat es um die Mitte des vorigen Jahrhunderte in seinem Lied »Ich steh in meines Herren Hand« in Verse gebracht, die wir eben gesungen haben:

»Gott ist ein Fels, ein sichrer Hort und Wunder sollen schauen,
die sich auf sein wahrhaftig Wort verlassen und ihm trauen.
Er hat’s gesagt, und darauf wagt mein Herz es froh und unverzagt
und lässt sich gar nicht grauen«.
»Und was er mit mir machen will, ist alles mir gelegen.
Ich halte ihm im Glauben still und hoff auf seinen Segen;
denn was er tut, ist immer gut, und wer von ihm behütet ruht,
ist sicher allerwegen.«
Ich wünsche uns allen, dass wir zuversichtlich leben können und Vertrauen in unsere Zukunft haben. Deswegen lade ich ein zur fünften Strophe aus dem Lied unter der Nummer 374:
»Und meines Glaubens Unterpfand ist, was er selbst verheißen,
dass nichts mich seiner starken Hand soll je und je entreißen.
Was er verspricht, das bricht er nicht. Er bleibet meine Zuversicht.
Ich will ihn ewig preisen.«
Amen

Kampmann

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