Predigt zur Karwoche

UNSER GLAUBE in CORONAZEITEN II: Die große Unterbrechung – eine Predigt zur Karwoche 2020


Liebe Longericher und Longericherinnen,
durch das Coronavirus erleben wir eine große Unterbrechung unseres
bisherigen Lebens, eine unfreiwillige Fastenzeit von unbekannter Dauer.
Einige fragen mich: Was hat Gott mit dieser Krise zu tun?
Ich halte Gott nicht für den Verursacher. Das Virus ist keine Strafe. Nach der
Sintflut hat Gott fest versprochen, unserer Erde niemals mehr zu schaden
(1. Mose 8,21+22/9,11-17). Darauf verlasse ich mich. Jeder Regenbogen erinnert an diese Zusage.
Wir haben jetzt Zeit zum Nachdenken und können Wichtiges entdecken. Es tut uns und der Natur auch in „normalen“ Zeiten gut, wenn wir regelmäßig
freiwillig unsere alltäglichen Abläufe unterbrechen und einen Tag der Woche – möglichst den 7. – alternativ gestalten: Zeit für sich und andere haben – ausruhen – feiern – sich an den Früchten der Arbeit freuen…
Darauf zielt die göttliche Lebensweisung. (2. Mose 20,8-11+ 5. Mose 5,12-
15). Unterbrechungen führen oft zu Neuanfängen: Jesus heilt einen Mann, indem er den 38 Jahre andauernden Kreislauf der Resignation unterbricht (Joh 5,2 ff.). Jesus rät in der Bergpredigt: „Wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, dann halte ihm auch die andere hin.“ (Mt 5,39) Indem der Gegner verblüfft wird, soll der Kreislauf der Gewalt unterbrochen werden. Die Kreuzigung Jesu auf Golgota ist eine Unterbrechung von globaler Tragweite: Eine 3-stündige Finsternis kommt über die ganze Erde und der Tempelvorhang reißt entzwei. Die Erde bebt. Einige Märtyrer werden auferweckt und kommen aus ihren Gräbern. Neues fängt an (Mt 27,45ff.)!
Mit dem Kreuzestod Jesu und seiner Auferweckung bekräftigt Gott seinen
Bund mit Israel für die ganze Menschheit. Das Zerreißen des Tempelvorhangs verkündigt, dass jeder Mensch ohne Vorbedingungen freien Zugang zu Gott hat. Weder priesterlich vermittelte Opfer- und Reinigungsrituale noch moralische Verdienste und religiös-asketische Anstrengungen sind die Voraussetzung, um mit Gott in Kontakt kommen zu dürfen. Ein römischer Hauptmann, der dabei ist als Jesus stirbt, bekennt unerwartet als erster: „Ja, dieser Mensch war wirklich Gottes Sohn!“ (Mk 15,39)
Jesus ist dem Leiden, das Folge seiner bis zuletzt konsequenten Haltung war, nicht ausgewichen. Er hätte jederzeit fliehen oder sich auch mit Waffen wehren können. Jesus hat für uns Angst, Einsamkeit und Schmerzen ertragen. Er war sich zuletzt auch nicht mehr sicher, ob Gott noch bei ihm war (Mk 15,34). Der gekreuzigte Sohn Gottes ist seit seiner Auferweckung als unsichtbare, empathische Lebenskraft erfahrbar.
So glaube ich, dass Jesus jetzt denen ganz besonders nahe ist, die Angst haben, weil sie schwer krank sind, um einen geliebten Menschen trauern oder um ihre wirtschaftliche Existenz bangen.
Ich glaube, dass Christus auch denen besonders nahe ist, die jetzt für andere da sind – viele bis zur Erschöpfung.
Wir können die Zeit dieser unfreiwilligen Unterbrechung nutzen, um uns auf das zu besinnen, was für uns und unsere Erde in Zukunft wichtig ist.
Vielleicht hilft es Ihnen, täglich aufzuschreiben, welche guten Erfahrungen wir jetzt machen: Zusammenhalt – Kooperation – Rücksicht – Verlangsamung – Wertschätzung bestimmter Berufe – die Erkenntnis, dass wir auf manches auch zukünftig ohne Not verzichten können, weil es für das menschliche und meteorologische Klima gut ist. Viele dieser wertvollen Erfahrungen spiegeln die Zielrichtung der Lebensweisungen Gottes wider. Amen
Bleiben Sie an Leib und Seele und in Ihren Beziehungen gesund!
Herzlichst Ihr und Euer Pfarrer Jürgen Mocka/ 3.4.2020

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